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„Wir brachten den Zwangsarbeitern heimlich Brot und Zigaretten"

Während des 2. Weltkrieges wohnte ich mit meinen Eltern in Düsseldorf gegenüber dem „Stahlwerk Krieger“, welches während des Krieges Zwangsarbeiter aus Rußland, Frankreich und Italien beschäftigte.

Guiseppe Pigozzi in Uniform der italienischen Armee, bevor er 1943 von der Deutschen Wehrmacht als Kriegsgefangener behandelt und ins Deutsche Reich als Zwangsarbeiter verbracht wurde.

Mein Jugendfreund Peter und ich hatten trotz des bestehenden Verbotes ständigen Kontakt zu diesen Zwangsarbeitern, da diese in unmittelbarer Nachbarschaft einen Luftschutzbunker bauten.

Wir brachten ihnen heimlich Brot und andere Lebensmittel,
die uns unsere Eltern zu diesem Zweck gaben, sowie gesammelte Zigarettenkippen und Streichhölzer.

Da wir von den Aufsehern verjagt wurden, wenn sie uns entdeckten,
brachten
wir diese Dinge „unserem Onkel Josef“, wie wir Herrn Pigozzi seinerzeit nannten.

Er arbeitete nämlich zeitweise in einer Holzbude (Abwickeln von Draht
für die Bunkermonierung, Eisen
schneiden u.ä.), so dass die Aufseher
unsere Kontakte nicht so leicht feststellen konnten.

Als Dank erhielt ich von „meinem Onkel Josef“ stets eine Seite seines Deutsch-Italienisch-Lexikons mit dem Hinweis:

„Italienisch ist eine schöne Sprache. Du solltest sie lernen!“

So war denn mein erstes italienisches Wort „La guitarra“ und seither spiele
ich auch Gitarre.

Von den Franzosen erhielten wir Fingerringe und die Russen bastelten in ihrer „Freizeit“ für uns als Geschenke bunte Holzspielzeuge.

Dieses freundschaftliche Verhältnis bestand bis zum Kriegsende. Wir erfuhren, dass viele  Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene noch vor dem Kriegsende erschossen wurden, weil Plünderungen und Gewalttaten befürchtet wurden.

Wir fragten uns, ob wohl unsere Freunde auch dieses Schicksal
erleiden mußten.


Dann bekamen wir aber einen Brief aus Italien, von unserem Onkel Josef.
Wir waren glücklich,
dass er wieder in seiner Heimat angekommen war. Seither korrespondieren wir regelmäßig und besuchen uns.

13 Jahre nach Kriegsende: Giuseppe Pigozzi im Kreise seiner Familie in Verona. Unten knieend mit Schlips nunmehr erwachsen: Werner Ortmann

Anläßlich einer Besuches des Ehepaares Pigozzi bei mir haben wir gemeinsam ein Ehepaar aus Alsdorf bei Aachen besucht, bei welchem sich Herr Pigozzi bis zum Einmarsch der Alliierten verstecken konnte. Aus dieser „Kriegsbekanntschaft“ ist nunmehr eine enge und unzertrennliche Freundschaft entstanden.

Giuseppe Pigozzi im Jahr 1973 mit Fotoapparat neben dem Ehepaar Sadowski in Alsdorf bei Aachen. Die Sadowskis haben ihm vor Erschiessung bewahrt, als sie ihm kurz vor Kriegsende auf seiner Flucht aus der Gefangenschaft in ihrem Haus Unterschlupf gewährten. Bis zum Eintreffen der Alliierten.

Nach dem Krieg wurde aus dem „Stahlwerk Krieger“ das „Gußstahlwerk Oberkassel“, welches
dann später an die „VÖST“ (=Vereinigte Österreichische Stahlwerke) verkauft wurde.

Giuseppe Pigozzi im Jahr 2006 daheim. Rund 1 1/2 Jahre vor seinem Tod.

Die Fabrikationshallen sind seit mehreren Jahren abgerissen und auf dem Gelände befindet sich nun ein Gewerbepark.

Hier geht´s zur Fortsetzung dieser wunderbaren Freundschaft...

Von Werner Ortmann, Korschenbroich


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