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„Unvergessen, der Heiligabend 1944!"

„Für uns Schüler war es ein besonderes Vergnügen, wenn wir während der Schulzeit im Herbst durch die Kartoffelfelder streiften, um die Kartoffelkäfer zu suchen und einzusammeln.

Der Feind hatte angeblich diese Käfer abgeworfen, um so die Kartoffelernte zu schädigen.

Ein anderes Mal zogen wir über die reifen und schon abgeernteten Getreidefelder und suchten nach Brandblättchen, die ebenfalls von feindlichen Flugzeugen abgeworfen wurden, sich in der Sonne selbst entzündeten und somit die Ernte und damit die Versorgung der Bevölkerung treffen sollte. Nebenbei fanden wir oft Flugblätter, die wir sammelten und tauschten.

Die Luftübermacht der Feinde nahm immer mehr zu. Tagsüber war man vor Tieffliegern nie sicher. Vornehmlich die Eisenbahnzüge wurden unter Beschuss genommen. Mehrmals musste unser Schülerzug von Gerolstein nach Hillersheim im Wald oder in einem Einschnitt halten und warten, bis die Gefahr vorüber war. Schließlich hängte die Reichsbahn an jeden Zug einen Flakwagen an, bestückt mit einer Vierlingskanone.

Im Herbst 1944 wurde es immer schlimmer.

Die Leute hatten Angst ihre Felder zu ernten oder neu zu bestellen. Ich erinnere mich an einen Tag: Wir machten Kartoffeln aus an Ablaßkreuz. Zu unserem Schutz bei eventuellen Angriffen hob ich im Feld einen Graben aus und deckte ihn mit Kartoffellaub zu. Und tatsächlich, kaum war ich fertig, kamen auch schon die doppelrümpfigen Lightnings, englische Jagdbomber und griffen das Viadukt an.

Ich lag in der Kartoffelfurche des Ackers und sah die Bomben fallen,

von denen eine das Viadukt traf und beschädigte. Die Flak an der Kyll eröffnete das Feuer und die Splitter der Granaten rasselten rings um uns nieder. Wir waren froh, als es Abend wurde.

Doch die Nachtruhe war auch bald dahin. Hitler hatte als Vergeltungswaffe für diese Angriffe eine Rakete entwickeln und bauen lassen, die nun zum Einsatz kam:

die V1.

Ihre Abschussbasen waren meist in Eisenbahntunnels der Eifel. Tag und Nacht dröhnten diese unberechenbaren Raketen über die Eifel. Sie bekamen den treffenden Namen: EIFELSCHRECK.

Sehr oft setzten sie aus oder änderten ihre Richtung. Mehrmals sah ich von Ablaßkreuz aus, wo ich meine Kühe hütete, wie eine V1 in die nahen Berge bei Oberbettingen einschlug und explodierte, andere drehten diverse Kurven und verschwanden wieder. Erinnert sei an die V1, die an einem Sonntag in Hillesheim in der Oberbettinger Strasse einschlug und wo mehrere Hitler-Jungen getötet wurden.

Zudem flogen bei Tag und Nacht die großen Bomberverbände der Alliierten ihre tödliche Last über die Eifel. Zeitweise wurden sie durch eine Flakeinheit mit 8,8cm-Kanonen unter Beschuss genommen. Diese an Buch stationierte Flak hatte viele Treffer, mehrmals sah ich, wie ein Bomber getroffen abstürzte, wie sich Piloten mit dem Fallschirm retten konnten. Wir Jungen liefen dann schnell zur Absturzstelle z. B. Im Wiesbaumer Wald, um einige 'Souveniers' – Teile des Flugzeuges zu erbeuten.

Auch ein deutscher Jäger vom Typ Me-109 musste einmal an Lier in der Wiese notlanden.

Auch dorthin trieb uns der Vorwitz. Als dann im Herbst 44 die Front immer näher rückte, bereiteten sich viele Hillesheimer Familien auf die Flucht vor. Mein Vater richtete den großen Leiterwagen her und deckte ihn mit Planen ab. Meine Mutter backte 30 Laib Brote als Vorrat, dazu wollten wir noch ein 'schwarz geschlachtetes' Schwein mitholen, sowie Hühner und die Kühe. Alles war schon bereit und wir bangten um das Gelingen der Flucht.

Doch es kam anders.

Der Vormarsch der Alliierten wurde durch die Rundtstedt – Offensive gestoppt und wir konnten bleiben. Auch hier höre ich noch jetzt das Dröhnen der vielen Panzer, die von Wiesbaum kommend, durch Hillesheim zur Ardennenfront ratterten.

Statt in den Wald zu flüchten, besetzten die Hillesheimer nun 'ihre' Bunker des Westwalls. Tagsüber suchte man hier Schutz und abends gingen wir nach Hause, um in Haus und Stall alles zu besorgen. Wir waren an Buch in einem Mannschaftsbunker, der für 18 Mann ausgelegt war, aber mit zeitweise 90 Personen, alt und jung, Männlen und Weiblein besetzt war.

Ein schreckliches Gedränge, wenn alle bei drohender Gefahr hier zusammen hausten.

Unvergessen bleibt für mich der Heiligabend 1944. es kam der Bombenangriff auf Hillesheim, bei dem 27 Leute getötet wurden – Ich lag unter unserem Eichentisch im Wohnzimmer. Vom Luftdruck der Bomben fiel der Christbaum, den wir eben erst aufgestellt hatten, wieder um.

Die folgende Nacht verbrachten wir im Eiskeller.

Wir saßen auf Stühlen, die im Wasser standen, von der Drecke tropfte es, es war kalt und dunkel. Meine Mutter erinnerte uns daran, dass auch das Jesuskind in der heiligen Nacht keine Bleibe fand und in einem Stall geboren wurde. Die Not von Josef und Maria konnten wir nun hautnah mitempfinden."
Von Hermann Meyer, Hillesheim

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