Logo

Suchkategorien

Ausbombung und Umquartierung ins Vogtland

 

Der Leipziger Kameramann (DEFA und ARD-Tagesschau) und Film-Historiker Manfred Romboy, Geburts-Jahrgang 1936, hat sich von TRIANOmedien die Dokumentarfilme "Unser Jahrgang 1936 vom Baby bis zum Twen" sowie "Unsere Jugend-Jahre in den 40ern" angesehen.

 

Die lebensnahen Eindrücke aus beiden Filmen lassen seinen Blick in die eigene Kindheit und Jugend-Jahre zurückgehen. Manfred Romboy, der auch Leiter des von ihm und seiner Frau Vera gegründeten Filmmuseums ist, berichtet hier in zwei Teilen TRIANOmedien, wie er den Bombenkrieg in Leipzig und dann das Kriegsende im Vogtland erlebt hat:

 

 

Am 4. Dezember 1943 ab kurz vor 4.00 Uhr werfen 442 Bomber der Royal Air Force ihre Bombenlast auf Manfred Romboys Heimatstadt Leipzig ab.

Mit über 700.000 Einwohnern eine der größten deutschen Reichsstädte

 

Die 1.400 Tonnen Spreng- und Brandbomben entfachen dort einen gewaltigen Feuersturm, größer gar als der in Hamburg bei seiner Bombardierung.

 

Manfred Romboy entrinnt mit seiner Mutter knapp dem Tode. Er sieht um sich herum viele Bombentote vor den Häuserruinen.

 

Durch die große Hitze des Feuersturms sind sie auf Puppengröße geschrumpft

 

Unfassbar für ihn und alle Anderen, die erstmalig ein Bombardement erleiden müssen! Als 7jähriger wird er so zum ersten Mal unmittelbar mit der Fratze des Krieges konfrontiert. Über 1.800 Menschen kommen bei diesem größten Bombenangriff auf Leipzig um. 114.000 werden obdachlos. So auch Familie Romboy.

 

Als Ausgebombte irrt die Familie von nun an durch Sachsen und Thüringen. Es sind seine 15jährigen Geschwister Christa und Wolfgang, sein kleiner 5jähriger Bruder Dieter und Manfred Romboy selbst. Die Mutter ist zu diesem Zeitpunkt 37 Jahre alt.

 

Die Verwaltung von Leipzig quartiert Gertrud Romboy, am 9.11.1906 geborene Wenzel und ihre Kinder Wolfgang, Christa, Manfred und Dieter, geboren am 10.6. und 25.9.1928 sowie am 13.9.1936 und 3.4.1938 drei Monate später aus Luftschutzgründen nach Arnsgrün im Vogtland um. Diese behördliche Abreisebescheinigung zur "Fürsorge für Obdachlose nach Luftangriffen" datiert vom 9. Februar 1944.

 

Fünf Esser weniger für das Ernährungsamt der Reichsmessestadt Leipzig

 

Sie haben sich kurz darauf im Gasthof "Zum Weissen Rößl" einzufinden. Nachts kommt der Verschickungs-Zug in Bad Elster an. Die Romboys müssen viel Geduld mitbringen. Denn

 

Niemand erwartet sie

 

Erst nach etlichen Anrufen kann der rührige Bahnhofsvorsteher ein Fahrzeug organisieren. Einen Krankenwagen immerhin, der sie nach Arnsgrün fährt. Die Wirtin, Frau Hartenstein, ist über Ankunft der ausgebombten Familie nicht sonderlich erfreut. Ihre Sorge: Die Romboys könnten ihre Zimmer belegen, die sie ansonsten in der Saison gegen gute Reichsmark vermieten würde.

 

Daher weist sie ihnen den Tanzsaal zu. Der ist im Februar '44 eiskalt, weil ungeheizt. Die Wehrmachts-Soldaten sind an der Front und scheiden als Tanzpartner aus. Tanzvergnügen sind im Gefolge des Totalen Kriegs auch nicht mehr erwünscht.

 

Die Wirtin stellt sich stur. Der Bürgermeister von Arnsgrün kann nichts ausrichten. Erst

 

das Amt der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt NSV

 

in Adorf - u.a. für Fragen der Kinderlandverschickung zuständig - setzt die Minimal-Ansprüche gegen die renitente "Gast-" Wirtin durch. Die Ausgebombten erhalten im Gasthof nun sogar drei leere Fremdenzimmer zugewiesen. Sie werden in den kommenden 20 Monaten ihre Bleibe sein.

 

Als Kinder der Reichsmessestadt bedeutet ihnen das Leben in Arnsgrün eine spürbare Umgewöhnung. Es gibt dort Ende des Kriegs kein fließendes Wasser und keinerlei Geschäfte. Die einfachsten Lebensmittel müssen sie auf Fußmärschen im Nachbarort besorgen. Unter zunehmendem Artillerie-Beschuß, je mehr es dem Kriegsende entgegengeht.

 

Für viele andere Ausgebombte ist Arnsgrün nur eine Durchgangs-Station. Die Romboys jedoch bleiben in Ermangelung von Alternativen. Bürgermeister Wölfel ist Bauer, Gastronom und stellt die Post der Deutschen Reichspost zu. Somit auch regelmässig der Familie Romboy die Lebensmittelkarten. Die anderen im Dorf Lebenden können sich selbst versorgen. Wenn sie hingegen die Flüchtlingskinder erblicken, sagen sie

 

Wir ham fei selber nix!

 

Die vier Romboy-Kinder nehmen an, daß es sich dabei um die hiesige Grußformel handelt. Mithin um eine vogtländisches "Guten Tag!" Freundlich lächelnd antworten sie deshalb in ähnlichem Ton:

 

Wir ham fei selber nix!

 

Viel später werden die jungen Romboys über den wahren Sinn dieses vermeintlichen Grußes aufgeklärt. Die anderen Arnsgrüner erscheinen ihnen im Übrigen nicht darbend.

 

Die 15jährige Christa muß in aller Frühe morgens nach Bad Elster zum Bahnhof laufen. Die Eisenbahn bringt sie auf der Ölsnitzer Strecke hin nach Plauen. Dort besucht sie die Oberschule. Der 7jährige Manfred Romboy hat es praktischer: In Arnsgrün steht ein uraltes Schulhaus, mit seinem kleinen Glockenturm einer kleinen Kapelle nicht unähnlich. Ein Lehrer für alle Geburtsjahrgänge. Alle Schüler sind in einer einzigen Klassen zusammengefasst, die Herr Breuer unterrichtet. An seine Lehrinhalte knüpfen sich bei Manfred Romboy keine bleibenden Erinnerungen.

 

Die Erinnerung an diese zwei Jahren wird zunehmend von dem Geschehen in der Welt draußen geprägt:

 

Lametta fällt vom Himmel

 

Die RAF-Flugzeuge werfen im Vorfeld von Angriffen bis zu 40.000 Kilogramm an dünnen Stanniol-Streifen, sogenannte "Düppel", ab. Das ist eine "Wunderwaffe" in Reserve sowohl der Alliierten als auch der Deutschen, die schon 1942 einsatzbereit ist, aber erst ab dem Juli 1943 zum Einsatz kommt.

 

Damit stören die Alliierten die Radarbilder der deutschen Telefunken-Radargeräte FuMG 62 und FuMG 65 Würzburg-Riese. Anstelle recht scharfer Abbildungen der Flugbahn der einfliegenden englischen Bomber, sind damit nur noch diffuse große Abschattungen sichtbar.

 

Hinter diesen Stanniol-Wolken verschwinden die zu ortenden Bomber

 

Das System der deutschen Feuerleitung von Flakstellungen, Nachtjägerflugplätzen über Funkmess-Stellungen und Flugwachen wird so außer Kraft gesetzt. Die Auswirkungen haben die Romboys ja zuvor beim nächtlichen Großangriff in Leipzig erleben müssen.

 

Diese silbrig-schwarzen Stanniol-Streifen sammeln die Kinder ein. Gelegentlich werden auch solche viermotorigen Bomber wie Lancaster oder die fliegende Festung Boeing B 17 von den wenigen noch einsatzbereiten deutschen Jagdflugzeugen abgeschossen. So geschieht es eines frühen Morgens im Luftraum über Arnsgrün.

 

Manfred Romboy stapft mit mehreren Kindern los, um das Flugzeug zu finden. Die junge Schar braucht rund 1,5 Stunden, um bis zur Absturzstelle vorzudringen. In einem Waldstück ist das Flugzeug notgelandet.

 

Allerdings sitzt die Besatzung tot in der Flugzeugkanzel

 

Woran sie gestorben ist - Genick-Bruch oder Kopfverletzungen beim Aufprall oder in der Luft durch die Garbe aus den MGs und Maschinenkanonen des deutschen Jägers getroffen oder von Deutschen am Boden füsiliert - ist fast 70 Jahre später schwer zu sagen. Die Polizei vertreibt jedenfalls Jungens und andere Neugierige.

 

Die Wunderwaffen von Adolf Hitler gelangen für das Vogtland jedenfalls zu spät zum Einsatz. Im Frühjahr 1945 erlebt  die Familie Romboy dort die Vorboten der nahenden Hauptkampflinie.

 

Ende März '45 kommen etliche deutsche Wehrmachtssoldaten von Heer, Waffen-SS,

Kriegsmarine und Luftwaffe auf der Flucht aus dem Sudetenland durch Arnsgrün

 

Manfred Romboys 16jähriger Bruder Wolfgang wird jetzt noch zum Dienst bei der Wehrmacht (!) einberufen.

 

Jedenfalls wird auch bei Arnsgrün die Frontlinie "begradigt", soll heissen kampflos zurückgenommen. Um den 3. April '45 herum zeigt die Mutter vom Küchenfenster des Gasthofs aus, was sich hinter dem Haus gerade auf der Weide abspielt:

 

Drei oder vier US-Panzer rollen in Begleitung von Infanterie-Soldaten auf den Gasthof zu

 

Sie treiben eine Handvoll unbewaffneter Soldaten vor sich her. Sie haben zuvor in einem Heuschober geschlafen und sind dabei überrascht worden. Die Amerikaner haben es nicht nötig, auf sie zu schiessen. Sie werden anschliessend im Spritzenhaus unterhalb des Bauersberges eingesperrt.

 

In und um Arnsgrün stehen nun die US-Kampfpanzer. US-Lastkraftwagen und Jeeps sausen hin und her.

 

Die Schwester Christa muß dolmetschen.

Sie ist als Einzige im ganzen Dorf des Englischen kundig

 

Radiogeräte, Ferngläser, Fotoapparate und Waffen jeglicher Art sind sofort beim Bürgermeister abzugeben.

 

Anderenfalls droht die Todesstrafe im Besitzfall!

 

Bemerkenswert: Der Ortsbauernführer Adler und der Bürgermeister Wölfel tragen erstmalig nicht ihre NSDAP-Abzeichen. Die Romboy-Kinder rätseln:

 

 Wo sind auf einmal ihre Parteiabzeichen hingekommen?

 

Die Feldküche der Amerikaner sucht die Nähe zu unserem Gasthof. Dort wird auf weissen Herden, die von Benzin befeuert werden, das 3-Gang-Menü für die Kampftruppen gekocht: Suppe, Fleisch zum Hauptgang und als Dessert eine Schokoladencreme-Torte. Ein GI schenkt Manfred Romboy sein Essen. Wenn der an die abgehetzten und oft hageren Soldaten der Wehrmacht aus den letzten Tagen denkt, wird ihm Eines schlagartig bewusst:

 

Das Großdeutsche Reich ist bitterarm im Vergleich zu Amerika

 Weiterlesen ...