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Wie ich vom Jahrgang '33 den Krieg im Ruhrgebiet und Sauerland erlebt habe 

 

Als Kind war ich sehr oft und langzeitig krank. Meine schulischen Leistungen waren daher oft unterdurchschnittlich. Die Zeiten waren schlecht:

 

Es gab immer weniger zu essen,
auch Kleidung und Spielsachen waren eingeschränkt erhältlich;
alles mußte geflickt und repariert werden

 

Hinzu kam, daß die Luftangriffe immer dreister wurden. Nachts bei Luftalarm wurden wir Kinder geweckt und mußten so schnell wie möglich aufstehen, um in den Luftschutzkeller oder Bunker zu laufen. Tagsüber wurde der Schulunterricht bei Sirenengeheul sofort unterbrochen, und die Schüler wurden nach Hause geschickt. Mitschüler, die zu weit entfernt wohnten, erhielten Unterschlupf in den nahegelegenen Kellern.

 

Bis 1944, als die Schulen schlossen, wurden die
Jagdbomberangriffe immer intensiver - und zwar von morgens bis abends

 

Wir lernten im eigenen Interesse, hinter Mauern und unter Büschen und Bäumen unverzüglich in Deckung zu gehen. Wir taten das, was uns als Pimpfen und Hitlerjungen eingedrillt worden war. Wir mußten auch Antreten und Marschieren üben. Darüber hinaus wurden wir ideologisch geschult und auf "Führer, Volk und Vaterland" eingeschworen. Wer zu diesen 'Trainingsstunden' nicht erschien, der "flog von der Oberschule'.

 

Meine Heimatstadt Wetter war - abgesehen von geringfügigen Angriffen durch Tiefflieger - unzerstört. Die Gau-Verwaltung wurde deshalb 1943 vom bombardierten Ruhrgebiet zu uns verlegt. Der NSDAP-Gau Westfalen-Süd war nun nicht mehr in Bochum, sondern auf dem Harkortberg. Dort war nun die Befehlszentrale des von Hitler 1943 zum Gauleiter ernannten Albert Hoffmann. Vom Reichsführer-SS Himmler war er kurz darauf zusätzlich noch zum SS-Gruppenführer ernannt worden.

 

Der Harkortberg wurde entsprechend ausgebaut und war Sperrgebiet bis zum Kriegsende

 

Hoffmann residierte am Berghang des Harkortbergs mit weitem Blick über den Harkortsee und Vorhalle bis nach Hagen. Der Harkortberg soll von Stollen durchzogen gewesen sein. Unter dem Sportplatz am Harkortturm war eine große Bunkeranlage. Das wurde den Allierten aber bald bekannt. Die Spitfires und Mustangs flogen daraufhin mehr Angriffe gegen unser Ruhrstädtchen. Hoffmann hat es persönlich nichts anhaben können.

 

Am 10. April 1945 ließ er seine Gaubefehlsstelle am Harkortberg aufgeben. Er selbst sollte sich schon Richtung Hotel Dresel in Hagen-Rummenohl abgesetzt haben. Ab Mitte April '45 tauchte er höchstselbst unter. Nicht ohne in den Wochen zuvor noch zahlreiche Ruhr-Brücken und Bauwerke in seinem Verfügungsgebiet sprengen zu lassen: "Für Führer, Volk und Vaterland"...

 

Doch zurück ins Jahr '44. Eines Tages wurden wir Schüler in Uniform abkommandiert, um den Propaganda-Minister Goebbels zu begrüßen, der die Gauleitung in Wetter besuchte. Wir skandierten den eilig eingeübten Spruch

 

"Dr. Goebbels komm' heraus, sonst geht uns hier die Puste aus!"

 

Das allein konnte aber den Minister von Führers Gnaden nicht dazu bewegen, vor die Tür zu kommen. Wer erschien, war meine Mutter, die den unglaublichen Mut besaß, mich aus der erfolglosen Jubelschar herauszulösen und mich nach Haus zu holen, was mir ziemlich peinlich war.

 

Ringsherum brannten die Ruhrgebietsstädte, und wenn wieder ein Angriff vorüber war, wurden weibliche Erwachsene verpflichtet, für die Menschen, die in den betreffenden Städten alles verloren hatten, Butterbrote und andere Esswaren vorzubereiten. Diese Nahrungsmittel stammten aus von wohlgenährten Nazi-Funktionären verwalteten Geheimlagern. Meine Mutter wurde auch herangezogen, eine Zeitlang in einem örtlichen Rüstungsbetrieb zu arbeiten.

 

Ich erinnere mich, daß wir im Alter von ca. 11 Jahren - ohne daß meine Eltern von dem tollkühnen Treiben wussten - Tiefflieger "ärgerten":

 

Wir tanzten und winkten sehr lebhaft mit Hakenkreuz-Fahnen auf gut einsehbaren, freien Flächen.
Das ging nur einige Minuten gut, dann wurden wir erspäht und die Jagd begann

 

Wir verschwanden blitzschnell hinter der nächsten Mauer oder in einem Hauseingang.

 

Die Einschläge der Bordwaffen waren ohrenbetäubend,
einmal wurde sogar eine kleine Bombe auf uns abgeworfen

 

An deutsche Abwehrmaßnahmen kann ich mich nicht erinnern.

 

1944 wurde mein Vater in der sauerländischen Ortschaft Breckerfeld dienstverpflichtet. Die Familie zog nach, und dort erlebten wir 1945 nach Panzer- und Artillerie-Beschuß den Einmarsch der Amerikaner und damit das Ende des Krieges. Für uns als Kinder war das, was die deutschen Soldaten zurückgelassen hatten, sehr interessant - obwohl z.T. höchstgefährlich. Die US-Soldaten tauschten Schokolade, Kaugummi und andere Esswaren gegen funktionsfähige deutsche Armeepistolen.

 

Einer meiner Schulkameraden hat mit einer zurückgelassenen Panzerfaust hantiert

 

Er hat sie vor sich gehalten und den Abzugshebel betätigt. Was er nicht wußte, war daß die Panzerfäuste beim Abschuss einen Feuerstrahl erzeugten. Er soll sofort tot gewesen sein.

 

Im Laufe des Jahres 1945 kehrten wir zurück in unsere Heimatstadt an der Ruhr. Das war erst möglich, nachdem die Ruhrbrücken, die beim Rückzug der Wehrmacht gesprengt worden waren, zum Teil wenigstens notdürftig repariert waren.

 

Bei dieser Brückenschilderung sollte ich erwähnen, daß es sich schon um die III. Generation der Ruhrbrücken handelte. Denn während des Krieges (1943) wurden nach dem Bombardement der Möhnetalsperre die meisten Ruhrbrücken durch die verheerende Flutwelle unterspült und zerstört. Diese Brücken wurden aber wegen der "kriegswichtigen Verbindungswege" zum und vom Ruhrgebiet ganz bevorzugt wieder aufgebaut.

 

Die Bilder von den brausenden Wassermassen - aus sicherer Nähe betrachtet - habe ich auch heute noch vor meinem geistigen Auge:

 

Holzbalken, ganze Bäume, Möbel, verendete Tiere

 

und alles, was darüber hinaus als Treibgut tauglich war.

 

Durch die anfänglichen Erfolge der Wehrmacht insbesondere in Osteuropa und der damaligen Sowjetunion gab es Millionen von Kriegsgefangenen. Auch in Wetter an der Ruhr hatte man ein Barackenlager für Russen eingerichtet. Bei Bombenalarm mussten diese armen Menschen in ihren Behausungen bleiben.

 

Luftschutzkeller waren für sie verboten

 

Zu uns kam regelmässig ein Russe, der uns seine Dienste anbot. Er hieß Pjotr und war vom Beruf Lehrer. Für Gartenarbeit und Teppichklopfen bekam er jeweils ein Stück Brot. Eines Tages erzählte er uns, daß der Ortspolizist ihn kontrolliert, das Brot abgenommen und ihn bestraft habe. Meine couragierte Mutter hat den Polizisten zur Rede gestellt.

 

Nach Kriegsende flehte der Ordnungshüter aus der NS-Zeit meine Eltern an,
diesen Fall auf sich beruhen zu lassen. Ansonsten würde er seine Stellung verlieren

 

1945 übten die freigelassenen Russen, Polen und andere in manchen Orten furchtbare Vergeltung an den deutschen Bewohnern:

 

Plünderungen, Mord und Totschlag kamen laufend vor,

 

bis die britischen Besatzungstruppen, die dem schlimmen Treiben ziemlich desinteressiert zugesehen hatten, die ehemaligen P.O.W's in ihre Heimatländer abschoben.

 

Die Lebensverhältnisse in den Jahren bis zur Währungsreform 1948 wurden immer einfacher:

 

Essen und Trinken, Kleidung, Heizung etc. waren streng rationiert

 

Ein besonderes Ereignis für meine Familie war, daß unsere Wohnung in Wetter 1946 von der britischen Besatzungsmacht beschlagnahmt wurde. Wir fanden Unterkommen in einem uralten Haus mit einem riesigen Garten, ein kleiner Ausgleich.

 

Holz- und Kohleklauen im Wald bzw. auf den Bahndämmen war üblich ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Für meinen Vater, als ehemaligem preußischen Beamten, waren solche zwielichtigen Aktionen etwas Ungeheuerliches.

 

So vergingen die Jahre mit Schulabschluss, Ausbildung und beruflicher und familiärer Entwicklung. Gott sei Dank wurde alles besser!

 

Es gibt noch Vielerlei von damals zu berichten, dazu ein anderes Mal mehr.

 

Der Verfasser, ein gebürtiger Wittener, ist der Redaktion bekannt