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13. Februar 1945: Bomben auf Dresden - Wie wir dem Tod
"von der Schippe gehupt" sind

"An friedlichen Wintertagen mit Schnee gehen meine Gedanken oft zurück an Dresden, die Stadt meiner Kindheit. Vor allem gehen sie zurück an jenen Februar 1945. Am 13. Februar bot auch Dresden noch rein äußerlich ein friedliches Bild. Allerdings nur noch wenige Stunden. Die barocke Kunststadt an der Elbe, so glaubten zwar viele Dresdner allen Ernstes, werde von den alliierten Bomben verschont bleiben. Aber von wegen!

Flüchtlinge aus dem Osten, geflohen vor der unaufhaltsam
vordringenden Roten Armee, überfluteten die Stadt

Hunderttausende mögen es wohl gewesen sein. Ihnen war gewiss nicht danach zu Mute, wie wir Kinder an diesem Faschingsdienstag im sechsten (!) Kriegsjahr kostümiert auf den Strassen umherzutoben. Welches Kostüm mir Siebenjährigen meine Mutter verpasst hatte, weiß ich heute nicht mehr. Auf jeden Fall war ich damit unterwegs. Schwesterchen Elke, erst drei Jahre alt, war noch zu klein.

Der Abendhimmel war sternklar. Von meinem Vater ist überliefert, daß er besorgt nach oben blickte und in dunkler Vorahnung prophezeite:

"Heute könnten sie kommen."

Er kannte sich mit Bombenangriffen aus. Als Bauunternehmer war er "uk" - unabkömmlich - gestellt, wurde also nicht als Soldat zur Wehrmacht eingezogen, sondern von der Organisation TODT, der Erbauerin der Reichsautobahn und des Westwalles, dazu verpflichtet, in Kiel Lazarettbunker zu bauen. Die Kriegshafenstadt Kiel war häufig das Ziel alliierter Bomber. Mein Vater pendelte in überfüllten Zügen berufsbedingt öfter zwischen Kiel und Dresden, wo sich nach wie vor sein Firmensitz befand und brachte uns von der Ostsee Raritäten wie Kieler Sprotten mit.

Das Sirenengeheul ging durch Mark und Bein
nie werde ich es vergessen!

Am 13. Februar 1945 war er zufällig in Dresden, als "sie", nämlich die britischen Bomber, gegen 22.00 tatsächlich kamen. Wir saßen, nachdem es Alarm gegeben hatte - niemals werde ich das Sirenengeheul vergessen - mit der gesamten Hausgemeinschaft im Luftschutzkeller, den mein Vater vorsichtshalber hatte absprießen lassen. Ein Dröhnen, das immer lauter anschwoll, erfüllte den Raum, in dem die Menschen, zusammengepfercht hockten, das Dröhnen Hunderter Bomber.

Bombeneinschläge, die immer näher rückten,
erschütterten das mehrgeschossige Haus bis in seine Grundfesten

Ich sah leere Blumentöpfe auf einem Kellersims regelrecht hüpfen. Wie meine Eltern, meine kleine Schwester, wie die anderen Hausbewohner reagierten, daran kann ich mich nicht mehr erinnern, wohl aber daran, daß unsere Familie nach diesem ersten Angriff, der etwa eine halbe Stunde andauerte, das Haus mit den notwendigsten Habseligkeiten verließ, obwohl unsere schöne Wohnung im ersten Stock noch nicht brannte.

Vater wußte offenbar, daß der Luftschutzkeller zur tödlichen Falle werden konnte,
wenn man nicht rechtzeitig herausstieg

Sauerstoffmangel, giftiger Qualm und schließlich die Flammen, die sich von oben nach unten durchfraßen, schnitten dann den rettenden Weg ins Freie ab. Mein Vater soll in der Nachbarschaft so manche Hausgemeinschaft, die verängstigt und tatenlos im Keller hocken geblieben war, während es über ihr schon lichterloh brannte, ins Freie gescheucht haben. Er hat sich wohl auch um meine Tante und meinen Cousin in unserer Straße gekümmert. Die waren ebenfalls ausgebombt worden und schlugen sich nun zu seiner zweiten Schwester, meiner Tante Frieda in Gorbitz durch, deren Wohnung intakt geblieben war.

An das Löschen der vielen Brände war nicht zu denken. Als wir auf die Straße heraus kamen, sah ich zwar ein Feuerwehrauto, aber es war bereits ausgeglüht. Die Dresdner Feuerwehr stand gegenüber dem Flammeninferno auf verlorenem Posten. Fast alle diese Männer sind beim heldenhaften, aber aussichtslosem Kampf gegen das Flammeninferno umgekommen. Ein Überlebender soll einen schützenden Asbestanzug getragen haben, wurde erzählt. Als er ihn schließlich auszog, soll sein Haar schlohweiß gewesen sein.

Überall loderten Brände, lauerten Zeitzünder-Bomben

Auch wir haben überlebt. Wenn ich mich recht entsinne, ordnete der Vater an, daß wir uns mit nassen Decken gegen den Funkenflug schützten. Wohin man auch blickte in unserer Tischerstraße in Dresden-Strießen, überall loderten Brände. Wir hasteten in Richtung Großer Garten, verfolgt von der begründeten Angst, das Opfer von besonders tückischen Bomben mit Zeitzündern zu werden, die erst mit Verzögerung explodierten.

Die Wirkung solcher "Luftminen" war verheerend.
In Erinnerung sind mir noch glühende Drähte der Straßenbeleuchtung

Den vermeintlich rettenden, prachtvollen Park, den "Großen Garten", in dem ich als kleiner Bub im Herbst immer so gerne im tiefen Laub geraschelt hatte, erreichten wir jedoch nicht, denn unterwegs überraschte uns nach Mitternacht der zweite, noch schlimmere Angriff britischer Bomber. Vor dem erneuten Bombenhagel flüchteten wir in einen fremden Keller zu fremden Menschen, aber was machte das schon?

Alle Dresdner waren in dieser Nacht Schicksalsgenossen

Nachdem wir das Bombardement auch dort lebend überstanden hatten, schlug mein Vater sich mit uns nach Dresden-Reick durch. Dort verfügte seine Firma über einen Lagerplatz für Baumaschinen und -materialien. In der primitiven Baubaracke, die seinen Leuten für Arbeitspausen gedient hatte, fanden wir vorübergehend Unterschlupf. Unser Vater war inzwischen fast erblindet, glücklicherweise nur vorübergehend. Beißender Qualm hatte seinen Augen zugesetzt.

Schutz vor Bomben unter einem Stapel Eisenbahnschwellen

Übernächtigt, erschöpft, verstört, deprimiert wie wir waren, mussten wir Tags darauf um die Mittagszeit auf diesem Lagerplatz den dritten Bombenangriff über uns ergehen lassen. Diesen Tagangriff flogen die Amerikaner. Ihre Bomber legten in Schutt und Asche, was zuvor von den britischen Alliierten von Dresden noch übrig gelassen worden war. Unser Vater befahl uns, unter einen hohen Stoß aufgeschichteter alter Eisenbahnschienen zu kriechen. Die Bombeneinschläge rückten bedrohlich nahe. Der Stoß schwankte gefährlich. Doch wir überlebten auch noch diesen Angriff.

Wir "huppten dem Tod von der Schippe",

wie der Sachse humorvoll feststellt, wenn ein schon dem Tode Geweihter wider Erwarten doch mit dem Leben davon kommt. Aber damals war uns gewiss nicht zum Spaßen zu Mute.

Wie wir dann nach Dresden-Omsewitz zu unseren Großeltern mütterlicherseits gelangt sind, die nicht ausgebombt worden waren, weiß ich nicht mehr. Oma Rose, diese gute Seele, schlug die Hände über dem Kopf zusammen beim Anblick von uns Jammergestalten und tat, was menschenmöglich war, um uns zu helfen. Aber wir blieben nicht in der kleinen Wohnung der Großeltern.

Meine Erinnerung setzt erst wieder ein, als wir im Zug in Richtung Erzgebirge saßen, zusammen mit vielen anderen ausgebombten Dresdnern. Dunkel war es und eiskalt im Waggon. Unsere Mutter und wir Kinder wurden nach Rechenberg-Bienenmühle evakuiert, wo wir bei freundlichen Leuten in einem Bauernhaus eine Dachkammer bezogen. Unser Vater war in Dresden unabkömmlich. Seine Firma war hart gefordert, beim "Enttrümmern" zu helfen. Ganze Straßenzüge waren verschüttet.

Wohin das Auge auch blickte - ein einzige Trümmerwüste,
aus der gespenstisch stehengebliebene Treppenhäuser oder Schornsteine

emporragten, die bei Sturm eine ernste Gefahr bildeten

Zunächst wurden nur schmale Durchgänge freigeschaufelt, später erst die Fahrbahnen und Gehwege in voller Breite, damit die guten alten Dresdner Straßenbahnen mit vielen notdürftig zugenagelten Fenstern und Menschentrauben an den Eingängen der überfüllten Wagen wieder verkehren konnten. Noch genau erinnere ich mich an Aufkleber der Nazis im Wageninneren:

"Pst, Feind hört mit!"

wurde vor Gesprächen gewarnt, die mitfahrenden gegnerischen Spionen kriegswichtige Geheimnisse hätten verraten können. Auch dem "KOHLENKLAU" hatte die Goebbels-Propagandamaschine den Kampf angesagt. Im Radio trat er akustisch so unheimlich effektvoll auf, daß mein Cousin Rainer und ich meiner kleinen Schwester damit mit Vorliebe Angst einjagten. Doch davon ein anderes Mal mehr."

Der Verfasser, ein gebürtiger Dresdner, ist der Redaktion bekannt.