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Mai 1945 im Erzgebirge das Kriegsende: Auf der Flucht vor Tieffliegern -
"Frau komm' mit!"- Ein Rotarmist erschießt die Mutter

 "Es war Winter, strenger Winter, als wir uns im tief verschneiten Erzgebirge im Februar 1945 in der Dachkammer eines Hauses in Rechenberg-Bienenmühle einrichteten, so gut es eben ging. Noch in Dresden war ich als Angehöriger des Jahrgangs '37 nach kurzem Besuch des Kindergartens eingeschult worden.

In Clausnitz, einige Kilometer von unserer neuen Bleibe entfernt, mußte der behütete Stadtbub nun erneut eine harte Dorfschulbank drücken. Der ungewohnte Schulweg führte über eine einsame Landstraße mit hohen Schneeverwehungen. Die neue Schule war die zweite der schon angesprochenen insgesamt neun (!), die ich kriegsbedingt im Laufe der nächsten Jahre die zweifelhafte Ehre haben sollte, zu besuchen. Neun Mal eine fremde Umgebung, fremde Kinder. Da muß so ein Bub doch zum Eigenbrötler werden!

Später, in der Oberschule in Dresden, sollte mir genau das

ein äußerst linientreuer Deutschlehrer-Genosse zum Vorwurf machen:

Nicht genügend in das FDJ-Kollektiv integriert!

Fast schon eine Todsünde in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), dem "ersten Arbeiter- und Bauernstaat in der deutschen Geschichte". Für Nachgeborene: FDJ stand für Freie Deutsche Jugend, die Jugendorganisation der Sozialistischen Deutschen Einheitspartei (SED).

Nur nicht den Russen in die Hände fallen...

Zurück ins Erzgebirge: Die Monate vergingen, der fürchterliche Krieg, den Adolf Hitler vom Zaune gebrochen hatte, ging seinem Ende entgegen. Die Fronten rückten immer näher. "Nur nicht von den Russen besetzt werden!", war die Sorge der Erwachsenen. Alle hofften darauf, daß "die Amis", denen der Ruf humanerer Besatzer voraus eilte, vor der Roten Armee einmarschierten. Aber es sollte anders kommen. Tauwetter setzte ein. Mit Vorliebe spielte ich am Bächlein vor dem Haus, das aus der Winterstarre erwacht war. Am nahen Bahnhof hatte ich ein ungeahntes Erfolgserlebnis:

Mit einem Metallteil gelang es mir - nein, nicht einen Güterwagen zum Entgleisen zu bringen. Aber er rumpelte unüberhörbar über das Hindernis hinweg. In einem nahen Tunnel suchte ein geheimnisvoller Luxus-Personenzug (etwa ein letztes Refugium für NS-Bonzen?) tagsüber regelmäßig Zuflucht vor Tieffliegern.

Anfang Mai 1945 war klar: Der Zusammenbruch des "Dritten Reiches", das doch 1000 Jahre währen sollte, aber nur ganze zwölf überdauert hatte, würde nur mehr eine Frage von Tagen sein. Der Krieg war längst verlorgen, was mir als Kind aber partout nicht in den Kopf wollte. Denn nächtelang rumpelten schier endlose deutsche Militärkonvois durch Rechenberg-Bienenmühle.

Die letzten Zuckungen der geschlagenen Wehrmacht

Meine Erinnerung an diese angsterfüllten Tage sind nur lückenhaft, doch entsinne ich mich genau, daß ich mit meinen Eltern und meiner Schwester auf einer sinnlosen Flucht durch einen Wald irrte. Über den brausten feindliche Flieger so tief hinweg, daß ihre Räder fast die Baumwipfel berührten. Wir suchten hinter dicken Baumstämmen Schutz. Zerstörte Panzer standen reglos in der Gegend.

Die Schreie der Frauen

Was sich in den nächsten Tagen abspielte, Plünderungen, Massenvergewaltigungen, suchte man vor uns Kindern so gut es ging zu verheimlichen. Erst später sollte mir aufgehen, was die Schreien der Frauen bedeuteten. Inzwischen hatten wir mit anderen Leuten Unterschlupf in einem größeren Haus im Ort gefunden. Dort forderte eines Nachts, es war der 11. Mai 1945, gegen 3.30, ein Rotarmist auch meine Mutter auf: "Frau komm' mit!"

Meine Mutter, so versicherte man mir später, habe sich geweigert. Daraufhin setzte ein Feuerstoß aus der Maschinenpistole des Soldaten ihrem Leben ein Ende. Sie war erst 43 Jahre alt.

Mein Vater, so ist überliefert, mußte hilflos mit ansehen, wie seine Frau umgebracht wurde. Nie hat er später mit mir darüber gesprochen. Meine Schwester ist überzeugt, daß auch wir Kinder dabei waren. Ich kann das weder bestätigen noch dementieren. Ich weiß es einfach nicht, habe es wohl verdrängt. Der Mörder meiner Mutter soll übrigens später standrechtlich erschossen worden sein, aber das machte sie auch nicht wieder lebendig.

Übrigens wäre auch ich damals ums Haar ums Leben gekommen, jedoch nicht durch die Rote Armee, sondern weil ich beim Spielen in einen Teich gestürzt bin und noch nicht schwimmen konnte. Wäre nicht eine Freundin meiner Mutter, "Tante Mia" (Ziegert), die sich zunächst uns beider Halbwaisen liebevoll annahm, sofort eingeschritten und hätte mich herausgezogen, dann wäre es wohl auch um mich geschehen gewesen.

Ein Handwägele als Leichenwagen für die tote Mutter

Ein Leichenwagen war in den Wirren des Kriegsendes nicht aufzutreiben. Und so blieb meinem Vater nichts Anderes übrig, als seine tote Frau auf einem Handwägele selbst nach Clausnitz zu karren, wo sie bei der alten Dorfkirche auf einem Friedhof beerdigt wurde. Das Grab ist längst aufgelassen.

Mit meiner Frau, meiner Cousine Renate und ihrem Mann Theo, habe ich den Friedhof in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts besucht. Die wenigen Erzgebirgler, mit denen wir damals dort Kontakt hatten, haben mich mit ihrer herzlichen einfühlsamen Art beeindruckt. Nie vergessen werde ich Erzählungen, die bei Kriegsende in Rechenberg-Bienenmühle die Runde machten. Da war ein See. Dort habe sich eine ganze Nazi-Familie ertränkt, um den anrückenden Russen nicht in die Hände zu fallen, hieß es.

Für meinen Vater und uns Kindern hieß es nun im Mai 1945 zurückzukehren ins zerstörte Dresden. Und so konnte man den trauernden Witwer zu Fuß heimwärts ziehen sehen, mit einem zweirädrigen Karren voller Habseligkeiten. Oben drauf saß meine Schwester. Züge fuhren damals von Rechenberg-Bienenmühle aus noch nicht wieder. Ich entsinne mich aber, daß wir schließlich doch noch einen erwischten. In offenen Güterwagen standen wir eingepfercht wie die Heringe. Und als der Zug durch einen Tunnel dampfte, schlug mein Vater plötzlich mit der flachen Hand auf meinen Kopf ein.

Durch Funkenflug aus dem Schlot der Lokomotive war mein Haarschopf in Brand geraten

In Erinnerung geblieben ist mir auch ein fanatischer älterer Mann in der Gegend von Dipoldiswalde, bei dem wir unterwegs Rast machten. Wie eine Furie raste er durch sein Haus, außer sich vor Wut über die Russen und schwor, jeden von denen umzubringen, der seine Schwelle überschreiten würde. Ich glaube, er verfügte über eine Waffe. Jeglicher Widerstand wäre natürlich sein sicherer Tod gewesen. Eingeprägt hat sich mir auf der Fahrt nach Dresden auch der Anblick der Bienert-Mühle.

Aus vielen ihrer Fenster hingen noch halb gefüllte Mehlsäcke heraus,
die wohl von Plünderern ausgeleert worden waren.

Dabei sollte bald jedes Kilo Mehl für die hungernde Bevölkerung zur Kostbarkeit werden...

Erste Anlaufstelle in Dresden war in Gorbitz an der Kesselsdorfer Straße Tante Frieda, die Schwester meines Vaters, die mit Tochter Renate, meinem Lieblingsbäsle in einem großen Gebäude wohnte, in dem sich später die Filmgesellschaft DEFA befinden würde. Es war von den Bomben verschont worden. Die ausgebombte Tante Ilse, die jüngste Schwester meines Vaters, hatte mit Sohn Rainer schon vorher Zuflucht bei ihrer Schwester Frieda gesucht und gefunden.

Das Wiedersehen unter den Geschwistern Frieda, Ilse und Albert kann nicht fröhlich gewesen sein, denn der tragische Tod meiner Mutter überschattete natürlich alle Gespräche. Außerdem sorgten sich die Schwestern Frieda und Ilse um ihre Männer, die aus dem Krieg beziehungsweise der Gefangenschaft noch nicht heimgekommen waren.  Wir Kinder spielten. So foppten Bäsle Renate und ich auf der Panzersperre Leute. Wie wir das gemacht haben, darüber werde ich ein anderes Mal berichten."

Der Verfasser, ein gebürtiger Dresdner, ist der Redaktion bekannt.