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„13. Februar 1945 - der Luftangriff auf Dresden“ - Wie ich mittendrin
das Inferno und kurz darauf das Kriegsende erlebe

 Dresden, 13. Februar 1945, ungefähr 21.00 Uhr: Das abendliche Rundfunk-Programm wird unterbrochen von einer Luftlagemeldung:

 "Achtung, Achtung, anglo-amerikanische Bomberverbände im Anflug
auf Magdeburg / Dessau!"

Dann blendet der Rundfunk das Geräusch eines laut tickenden Weckers ein. So will er das Näherrücken der Gefahr anzeigen. Meine Eltern haben mit dieser Warnung schon Erfahrung, denn Dresden hat am 24. August 1944, am 7. Oktober 1944 und am 16. Januar 1945 schon Angriffe auf Dresden Friedrichstadt (Bahnhof und zugleich Knotenpunkt für West-Ost-Verkehr) und auf einen Industrie-Schwerpunkt in Freital (Mineralölwerk Rhenania-Ossag) über sich ergehen lassen müssen.

Die Dresdner glauben allerdings immer noch daran, daß man diese Stadt verschonen werde! Man hat in den Häusern die Wege zum Luftschutzraum (LSR) mit Leuchtfarbe (bei uns Kindern sehr beliebt und gelegentlich in der Drogerie zu haben) markiert.

Plötzlich der Wecker: Nun ist es soweit!

Mein Vater hat mit der letzten Straßenbahn, die vor dem Angriff noch verkehrte, die Innenstadt verlassen können. Meine Eltern raffen nun noch alles zusammen, was zum Überleben Bedeutung haben kann und sich tragen läßt und ab in den LSR im Keller.

Zusammen mit allen anderen Bewohnern des Achtfamilienhauses in Dresden-Gruna, Leitmeritzer Straße 2 müssen wir erleben, wie die Einschläge immer näher kommen.

Alle zittern.
Auch das SA-Mitglied, das wie die dicken Goldfasane,
immer den großen Mund riskiert, wenn es die Lebensmittelkarten verteilt

Nach etwa einer Stunde erfolgt Entwarnung. Zögernd und verängstigt wagen wir uns aus dem Keller.

Der Dachstuhl sowie das letzte und vorletzte Stockwerk stehen in Flammen.

Die Eltern bewohnen eine Wohnung in der ersten Etage. Diese Lage läßt hoffen, daß vielleicht doch noch etwas aus den Räumen zu retten sei. Meine Mutter hüllt mich 8jährigen in eine nasse Decke, die neben einem Wasserbehälter für Löschwasser liegt. Zum Schutz dirigiert sie mich unter einen abseits stehenden Pferdewagen.

 Was nun geschieht, meißelt sich in das Innenleben eines Kindes ein

 Die Eltern verschwinden noch einmal im brennenden Haus, um wärmende Kleidung und Bettdecken aus dem Fenster zu werfen, denn eine kalte Nacht im Freien steht bevor. Kurz nachdem die Eltern das Haus wieder unversehrt verlassen können, bricht das Treppenhaus zusammen. Auch die anderen angrenzenden Häuser bieten ein Bild des Grauens.

 Plötzlich wieder die Sirene. Ab in den Keller, die noch immer Schutz bieten!

 Gegen 23.00 folgt dann der zweite Angriff.

Nun fallen Brandbombem und "Phosphor-Kanister"

 wie später bekannt werden wird, deren Zerstörungskraft alles übertrifft. Ab hier verläßt mich für den Rest dieser Schreckensnacht die Erinnerung.

 Am nächsten Tag beginnen Tiefflieger-Angriffe

 und wir flüchten uns in den Keller eines gegenüberliegenden Hauses und liegen auf dem Bauch. Jemand will wissen, daß dieser Keller "abgestützt" sei.

 Inzwischen brennen auch die Nachbarhäuser völlig aus bis auf die Keller.

 Bei Dunkelheit laufen wir zu einem Sammelplatz in der Nähe der Gaststätte "Grüne Wiese" gelegen. Ein LKW mit geschlossenem Aufbau nimmt uns auf. Stehend und wie eingestapelt verlassen wir Dresden mit unbekanntem Ziel. Im Kurort Gohrisch in der Sächsischen Schweiz - nahe Königstein - werden wir nachts ausgeladen. In der Gaststätte Sennerhütte hat man offenbar unsere Ankunft erwartet und bietet uns Übernachtung auf Stroh. Für ein Minimum an Ernährung wird gesorgt.

 Später werden wir zu etwa gleichen Bedingungen in den Gasthof "Erholung" verlegt. Nach etwa einer Woche werden die Evakuierten auf Privathäuser verteilt. Die Gemeinde-Verwaltung läßt Ferienwohnungen von Dresdnern aufbrechen und belegt sie. Wir landen mit einer anderen Mutter mit zwei Kindern zunächst in einem solchermaßen "erschlossenen" Raum und werden später in ein Haus zweier älterer Damen eingewiesen. Der Vater der anderen Familie befindet sich im Krieg

 und mein Vater wird zum Volkssturm eingezogen, ein Schock für mich.

 Nach kurzer Zeit wird er aber wieder entlassen. Vielleicht hat ihm sein Herzleiden aus dem ersten Weltkrieg dazu verholfen.

 Als am 7. Mai 1945 aus der Nähe Feuersalven zu vernehmen sind, heißt es nur:

 "Die Russen kommen!"

 Am nächsten Morgen war es zuende mit dem Dritten Reich: Weiße Fahnen wehen aus den Fenstern.

 Meine Mutter heult. Die vielen Leben, die dieser Krieg gekostet hat!

 Mein Vater sucht nochmals seine alte Firma auf, die von den Russen völlig demontiert worden ist. Offenbar ist es noch möglich, nach Dresden hereinzukommen. Die Firma liegt außerhalb des Stadtgebietes.

 In Abwesenheit meines Vaters dringt nun in das Haus,
das wir bewohnen, ein bewaffneter Russe ein

 Er befehligt uns in ein Zimmer und heißt uns, die Arme zu erheben. Meine Mutter verkündet, daß wir aus Dresden seien. Offenbar löst dieser Zuruf in dem Soldaten Mitleid aus, und er wiederholt "Dresden". Er hat wohl von diesem Inferno gehört, und es scheint ihn Bedauern zu überkommen. Jedenfalls sieht er von Schlimmerem ab. Uns fällt ein Stein vom Herzen!

 Eine Situation, die man nicht vergißt.

 Mir bleibt es erspart, die Innenstadt von Dresden unmittelbar nach dem Angriff sehen zu müssen. In Gohrisch besuche ich in der Folgezeit kurzzeitig die zweite Klassen der dortigen Volksschule."

 G. R., Dresden